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04.08.2022

„Jetzt bringst du den Dharma zu den Kindern.“

Interview mit Anita Brandstätter, Buddhistische Religionslehrerin.

 

ÖBR: Liebe Anita, wie bist du zur Lehre Buddhas gekommen?

 

Anita: Diese Frage ist auch für mich selbst sehr interessant. Ich bin als junge Studentin aus eigenen Stücken darauf gekommen. Es war ursprünglich ein Alleingang; ich war schon beim Studium am Suchen und habe gemerkt, dass mir etwas fehlt. Ich besuchte damals in Graz Vorträge über den Buddhismus bei Ole Nydahl und es hat mich massiv angezogen. Da ich dies auch niemandem erzählte, war ich mit meinem Buddhismus anfangs alleine, aber ich wusste damals schon, dass es ernst wird, wenn ich mich tatsächlich entschließe, Buddhistin zu werden. So habe ich mich vorerst noch gefürchtet, Zuflucht zu nehmen, aber 1996 war es dann soweit. [Anm.: Durch die Zufluchtnahme zu den drei Juwelen {Buddha, Dharma, Sangha} erklärt man sich nach außen hin zum Buddhisten.]

 

Bei meiner Zuflucht war ein Studienkollege dabei und setzte sich neben mich hin, das merkte ich vorerst gar nicht, und der sagte zu mir: „Aber weißt du eh, in Frankreich gibt es einen echten tibetischen Meister.“ [:lacht]. Dann sagte er mir seinen Namen – Gendün Rinpoche [Anm.: Lama Gendün Rinpoche wurde 1918 in Osttibet geboren und wirkte bis 31.10.1997 in der Auvergne, Frankreich.] – und meinte, dies könnte interessant für mich sein. Und wie das Leben so spielt, bin ich Monate nach meiner Zufluchtnahme tatsächlich in Frankreich angekommen. Ich bin direkt in die Vorbereitungen eines 3-Jahres-Retreats geraten. Es hat mich so hingezogen, dass ich nicht anders konnte und der Meister [Lama Gendün Rinpoche] hat mich vom ersten Moment an komplett in seinen Bann gezogen. Ich merkte, dass ich da nicht mehr vom Buddhismus wegkomme.

 

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„Aber weißt du eh, in Frankreich gibt es einen echten tibetischen Meister.“

 

ÖBR: So hast du deine buddhistische Heimat direkt gefunden?

 

Anita: Definitiv. Wenn ich zurückblicke, war es irgendwie Magie. Gendün Rinpoche hat mich gesehen und in sein Zimmer gebeten und mit mir tibetisch gesprochen, ich verstand überhaupt nichts und weinte nur, danach segnete er mich. Am nächsten Tag bei einem übersetzten Interview sagte er zu mir, ich solle Retreat machen. Für mich war damals alles neu und ich wusste nicht einmal, wovon er spricht, spürte aber innerlich, dass Gendün Rinpoche recht hatte. Ich blieb sofort ein Jahr im Retreat mit Betreuung von ihm und seinen Lamas, kehrte dann noch einmal nach Österreich zurück, wobei es mich nicht lange hier gehalten hat. Ich fuhr wieder nach Frankreich, in die Dordogne, in sein Laien-Retreat-Center, absolvierte das Programm des 3 Jahres-Retreats und blieb danach für etliche Jahre. Die Ausdehnung meines Retreats über einen längeren Zeitraum war immer in Absprache mit den Lehrern, die mich in meinem Weitermachen unterstützt haben; später ging es mitunter auch nach Indien und Nepal. So wurde es immer länger, aber rückblickend erscheint es mir wie ein einziger Tag.

 

ÖBR: Bist du dann wieder fix nach Wien zurückgekommen, oder pendelst du zwischen der Dordogne und Wien hin und her?

 

Anita: Ich pendle immer noch hin und her. In der Dordogne gibt es einige buddhistische Zentren, und so lernte ich über die Jahre hinweg mehrere Meister, vor allem der Karma-Kagyu und Nyingma-Linie, kennen. Sie sind alle sehr wichtig für mein Leben geworden. Sobald ich Ferien habe, verbringe ich meine Zeit dort, denn es ist nach wie vor meine spirituelle Heimat.

 

ÖBR: Wie bist du ÖBR-Religionslehrerin geworden?

 

Anita: Ich hätte mir ja nie gedacht, dass ich je nach Österreich zurückkehre, und wieder in einen Lehrberuf einsteige. Über die Jahre hinweg hatte ich regelmäßig Interviews mit meinen Lehrern und sie überprüften meine Meditation, schauten ob alles passt und sagten, wie ich weiter praktizieren sollte. Es war grundlegend auch immer ok und ich war es gewohnt, ein „Mach weiter so“ als abschließende Instruktion zu erhalten. Aber eines Tages, da bekomme ich heute noch Wut [:lacht], sagte Rinpoche zu mir: „Jetzt bringst du den Dharma zu den Kindern!“ Da bekam ich einen echten Schock und hatte keine Ahnung, wovon jetzt die Rede ist. Dann vergaß ich es aber wieder, und zwei drei Jahre später, ich wehrte mich sehr dagegen, war es dann soweit.

 

Es war ziemlich schmerzhaft, zu gehen; mein ganzes Leben spielte sich dort ab und ich ließ den Großteil meiner sozialen Kontakte zurück. Rückblickend muss ich sagen, dass ich durch diesen Prozess des Weggehens in der Phase am meisten gelernt habe.

 

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„Jetzt bringst du den Dharma zu den Kindern.“

 

Ich machte dann in Wien eine einjährige schriftliche und mündliche Ausbildung und anschließend eine freiwillige Ausbildung an der KPH [Anm: Kirchliche Pädagogische Hochschule]. Wenn ich nun hinschaue, ist es so stimmig für mich. Es kommt nun mein Studium und meine buddhistische Ausbildung zusammen.

 

ÖBR: Welche Bedeutung hat für dich der buddhistische Religionsunterricht?

 

Anita: Wir leisten einen enormen Beitrag für die Gesellschaft. Der Unterricht ist sehr wertvoll und er wird vor allem von meinen buddhistischen Freunden sehr geschätzt und mit großem Respekt wahrgenommen. Ich weiß von vielen Ländern, die sich so einen Religionsunterricht für ihre Kinder wünschen würden, und sie staunen sehr, dass so etwas überhaupt existiert. Je früher Kinder kommen, desto schöner ist es, mit ihnen zu arbeiten. Vor allem zwischen sieben und acht Jahren sind sie sehr offen und ihre grundlegende Güte ist da so groß, dass sie dich intuitiv verstehen, sie haben keine Zweifel. Sie nehmen dieses Vertrauen mit ins Leben und auch in ihren weiteren schulischen Weg.

 

ÖBR: Die Zahl der suchenden Menschen wird immer größer. Was würdest du jemandem empfehlen, der als Suchender neu zum Dharma findet?

 

Anita: Zuhören, man lernt sehr viel durch zuhören von Belehrungen und in der Präsenz des Lehrers. Die Lehre des Dharma muss über den Geist funktionieren, das heißt: Ich höre sie, ich stelle sie in Bezug zu meinem eigenen Leben und dann kommt die Praxis. Wenn ich heute so zurückdenke und jeden Tag mehrmals über die Vergänglichkeit kontempliert habe, so etwas macht was mit dir. Hier merkst du irgendwann, dass du diesbezüglich keine Fragen mehr hast. Es ist ein Fundament des Vertrauens entstanden. Für jemanden, der einsteigt, zuhören und schauen, wo man seine Verbindung hat. Hier gibt es keinen zeitlichen Druck, das reift von selbst und es gibt für jeden eine Verbindung, die passend ist. Dann kann man sich auf den Weg machen und mit guten Wünschen seinen Meister finden; denn ohne einen Meister, einen authentischen Lehrer, geht es nicht. Man braucht einen Lehrer, der einem Übertragungen erteilt und einen in der Meditation führt, bis man selbstständig gehen kann; so wie bei einem Kind, das zu laufen lernt. Ohne Lehrer fällst du an jedem Eck hin. Der Lehrer hilft dir auch dabei, deine Gedanken und Emotionen einzuordnen, und mit dem klarzukommen, was du an Praktiken und Anweisungen bekommen hast.

 

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„Ich höre den Dharma, stelle ihn in Bezug zu meinem Leben und dann kommt die Praxis.“

 

ÖBR: Welche Bedeutung hat aus deiner Sicht die ÖBR heute?

 

Anita: Die ÖBR ist wie eine Mutter zu uns, die alles zusammenhält und alle Linien vereint. Was ganz besonders ist und man auch hier am Fleischmarkt sieht, wo mehrere Linien zusammenkommen, man könnte von einem Rime-Gedanken [Anm.: Rime bezeichnet eine gruppenübergreifende Bewegung innerhalb des tibetischen Buddhismus] sprechen, es ist fantastisch. Ich fand anfangs die Gompa nicht, sie lag so versteckt. Und als ich sie dann betrat, wusste ich: Jetzt bin ich angekommen.

 

ÖBR: Wie gehst du in Zeiten von Corona mit deinen Kontakten um?

 

Anita: Aus buddhistischer Sicht hat alles eine Ursache, nichts fällt vom Himmel, und so muss es eigentlich auch mit dieser Pandemie sein. Die Ursache liegt wohl auch an uns Menschen, an unseren Bedingungen und an unseren Handlungen. Ich sehe es als Chance für Veränderung, für Wandel an uns selbst, gegenüber der Natur und unserer Umwelt. Einige Dinge sind vielleicht auch verdreht in dieser Pandemie, wie etwa die Empfehlung, keinen oder wenig sozialen Kontakt zu haben, was zumindest in der Schule nur schwer umzusetzen ist. Eine Empfehlung von mir war immer, den Weg der Mitte zu wählen, es einerseits nicht zu unterschätzen, aber andererseits auch nicht ins Extrem zu gehen. Vor allem kleine Kinder brauchen Nähe und Kontakt. In der Zeit merkte ich jedenfalls das erste Mal, wie wichtig der Unterricht für die Kinder ist. Sie wollten und suchten den Unterricht sehr stark und haben ihn vor allem während der Lockdowns richtig „eingefordert”.

 

ÖBR: Hast du einen Herzenswunsch, den du dir gerne erfüllen möchtest?

 

Anita: Oh wow, nur für mich [:lacht]. Für mich ist es der Dharmaweg, einfach weiterzumachen. Da gibt es keine räumliche Trennung; Dharma sollte theoretisch überall möglich sein und ich habe auch nie das Gefühl, dass ich mit etwas fertig bin, es soll einfach weiter und tiefer gehen. Der Weg ist nicht zu Ende und ich wünsche mir, dass ich mit meinen Meistern in Kontakt bleibe und ihre Wünsche umsetzen kann.

 

ÖBR: Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe, die du aber gerne beantworten möchtest?

 

Anita: Dass ich großen Respekt vor den Kindern und Jugendlichen habe. Es braucht hier auch die Bereitschaft der Eltern, die vor allem ihre kleineren Kinder zum Unterricht bringen müssen. Erst ab der zweiten AHS kommen sie ohne Eltern. Sie kommen aus allen Richtungen und fragen gleich: „Was machen wir heute?“. Es sind so tolle Wesen, und wenn man sie auf mehreren Ebenen so heranwachsen sieht, von klein auf bis in die Oberstufe, finde ich das sehr schön und berührend. Ich denke, dass der Großteil von ihnen einen großartigen Weg finden wird. Die Ethik bekommen diese Kinder spielerisch vermittelt und intuitiv verstehen sie das Prinzip von Ursache und Wirkung. Ich bin überzeugt, dass der buddhistische Religionsunterricht enorm wichtig für die Gesellschaft ist, wenn es auch nur ein Tropfen ist. Er ist sehr kostbar und dafür danke ich auch der ÖBR, dass es so etwas geben darf.

 

ÖBR: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Dr. Anita Brandstätter
Geboren in Graz.
Lehramtsstudium für Geschichte und Sport.
Doktorat aus Geschichte.
Derzeitige berufliche Tätigkeit: Buddhistische Religionslehrerin.

 

Interview: Hannes Kronika, Fotos: Ida Räther



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