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21.03.2020

Von der Natur zur Buddha-Natur

Was ist Natur? Eine kurze Kulturgeschichte

Wir alle lieben Natur. Es fasziniert mich immer wieder, wie an den ersten warmen Frühlingstagen die Menschen in die Wälder strömen, jung und alt, arm und reich, konservativ und liberal.

 

„Wir alle kommen aus der Natur. Wir sind ein Bestandteil der Natur, ja, wir sind Natur“, sagt Gyalwang Drukpa.1 Doch was meinen wir eigentlich, wenn wir von Natur sprechen? Für die meisten von uns ist Natur wohl zum Sehnsuchtsort geworden, zu einem Zufluchtsort. Doch das war nicht immer so. Unsere Kulturgeschichte, zumindest die abendländische, erweckt den Eindruck, die Natur war ein Feind, der gebändigt und bezwungen werden musste. Das hängt nicht wenig mit einem patriarchal geprägten Gottesbild zusammen, das sich mit dem Sesshaft-Werden und dem Entstehen der Landwirtschaft im nahen Orient entwickelt hatte. Mit Beginn der „Agri-kultur“ wurde Kultur zusehends als Gegensatz zur Natur erlebt. In anderen Kulturen hingegen wurde und wird Natur an sich als göttlich oder heilig empfunden, ohne sie auf naive Weise zu idealisieren.

 

„Natur, f:

Gesamtheit des Gewachsenen, Gewordenen,

Landschaft mit Tier- und Pflanzenwelt, Wesen, Anlage, Charakter.“

Etymologisches Wörterbuch

 

Der Begriff „Natur“ (wie auch jener der „Landschaft“) ist ein relativ junges Phänomen der abendländischen Kulturgeschichte. Lange Zeit unserer Geschichte hat es den Begriff der Natur gar nicht gegeben – wir waren einfach Teil davon. Der Philosoph und Ökologe David Abram zeigt auf eindrucksvolle Weise,2 wie die Entwicklung des Alphabets und der geschriebenen Sprache (und damit des konzeptuellen Denkens) uns auch vom direkten Erleben der Natur entfernt hat. Später führte die Cartesianische Spaltung und die darauf aufbauende reduktionistische Methodik der Naturwissenschaften zu einer tieferen Trennung von Körper und Geist in unserem Erleben, ein Trauma, das wir gewissermaßen kollektiv teilen. Zusätzlich wurde die Sicht auf den Körper durch die Kirche über Jahrhunderte mit Gefühlen von Schuld, Scham und Sünde überfrachtet. Dass wir immer mehr Zeit im Cyberspace verbringen, verstärkt die Entfremdung von der physischen Welt noch mehr. Daran ändern auch Körperkult, Sport und Jugendwahn wenig. Nur ein achtsamer Zugang zum Erleben sowie ein somatischer, spürender und nicht bewertender Zugang zum Körper können dieses Trauma heilen. Der Körper ist unser erstes Zuhause, und seine Sinne sind unser Tor zur Welt. Achtsames Gewahrsein bringt den Geist nach Hause. Ist der Geist zu Hause und sind Geist und Sinne offen und wach, können Körper und Geist in ihrer tieferen Lebendigkeit und Untrennbarkeit vom Universum erfahren werden.

 

Wie wir leben, vielleicht sogar überleben, hängt wesentlich davon ab, ob wir diese Wahrheit der Abhängigkeit und Verbundenheit mit allem – von Atomkraftwerken bis zu Ameisen, von Regenwäldern bis zu Autobahnen − nicht nur verstehen, sondern spüren und erleben.

 

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Biophilia

Was wir als „Geschichte“ bezeichnen, jenen Teil der Menschheitsgeschichte, zu dem es Aufzeichnungen gibt, macht nur einen winzigen Bruchteil unserer evolutionären Geschichte aus. Aus biologischer Sicht sind wir eine Art aus der Gattung der Schmalnasenaffen, und genetisch zutiefst geprägt von einem Leben „in der Natur“. Laut der Theorie der Biophilia3 brauchen wir daher Natur, um psychisch und physisch gesund zu sein. Eine Vielzahl von Studien untermauert dies. Zudem gibt es auch Forschungsarbeiten, die deutlich zeigen, wie Naturerleben hilft, die Fähigkeit zur Aufmerksamkeit zu stärken bzw. zu regenerieren; ein längerer Aufenthalt in relativ wilder Natur bewegt Menschen auch dazu, tiefer über ihr Leben und den Sinn darin nachzudenken.4 Natur hat eine transformierende Kraft. Es überrascht daher nicht, dass der Rückzug in die Natur in vielen buddhistischen Texten hoch gepriesen wird und zahllose Beispiele und Metaphern aus der Natur herangezogen werden, um tiefe Wahrheiten zu vermitteln. Wo sonst lässt sich die Unbeständigkeit allen Lebens und aller Phänomene, der „Fußabdruck von Buddhas Lehre“, besser erfahren als in der Natur?

 

Natur und Buddhismus

Buddha wurde unter einem Baum geboren, er hat im Wald meditiert und unter einem Baum, am Fluss Nairanjana, Erleuchtung erlangt. Buddha hat viele seiner früheren Leben als Tier beschrieben. Viele Texte sprechen wertschätzend über Natur, Tiere und Pflanzen, und loben „wilde Natur“ als geeignete Orte, um Meditation und Bodhicitta zu vertiefen. Ebenso wird die Bedeutung einer gesunden Umwelt wie klare Luft und sauberes Wasser als Quellen für Lebenskraft und Gesundheit betont. In der Zufluchtspraxis wird meist ein Zufluchtsbaum visualisiert.

 

„Das Geräusch von Wasser beruhigt mich.

Das Wehen des Windes entspannt mich und der Duft der vielen verschiedenen Blumen entspannt mich auch.

Ruhig und entspannt zu bleiben ist sehr wichtig.

Wenn du ruhig und entspannt bist, gibt es keine negativen Emotionen.

Ohne negative Emotionen können Liebe und deine wahre innere Schönheit dämmern.

Das ist dann Verwirklichung!“

Chökyi Nyima Rinpoche

 

Natur nährt unser Mitgefühl. In den Gesängen von Milarepa kommt das sehr gut zum Ausdruck, wenn er einerseits die Schönheit der Natur beschreibt, gleichzeitig aber auch wahrnimmt, wie die Tiere im Kreislauf des Leidens gefangen sind. Die samsarische, verwirrte Erlebensweise und die befreiende, reine Wahrnehmung auf der Basis des ursprünglichen Gewahrseins der Natur unseres Geistes liegen eng beieinander.

 

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Naturerleben mit offenen Sinnen kann uns ganz unmittelbar und direkt in Kontakt bringen mit unserer eigenen Natur, unserer Buddha-Natur, die sich in der Erfahrung einer wunderbaren, poetischen und magischen Welt spiegelt. Die poetische Erfahrung natürlicher Magie ist um nichts weniger wirklich als wissenschaftliche Erkenntnisse. Beide bedingen sogar einander und machen nur Sinn, wenn sie jeweils wertschätzend anerkannt werden.

 

Natur bedeutet so gesehen, uns als Teil des großen Ganzen zu sehen und entsprechend zu handeln. Der Dharmakaya der Buddha-Natur durchdringt alles. Aus Erkenntnis erwachsen Liebe und Mitgefühl. Wenn wir unsere eigene Natur verstehen und leben, kann ein Wandel stattfinden, den wir auch in die Gesellschaft tragen. Das ist der Beitrag, den der Dharma und wir als Praktizierende leisten können, ja eigentlich müssen. Der Fotograf und Filmemacher Yann Arthus-Bertrand nannte es Revolution der Liebe. Das mag romantisch klingen, aber im Licht des Dharma ahnen wir, wie tiefgründig die Bedeutung davon ist.

 

Text und Fotos: Thomas Klien

 

1    Gyalwang Drukpa, „Erleuchtung jeden Tag“, S. 43.
Gyalwang Drukpa ist das Oberhaupt der Drukpa-Kagyü- Linie.

2    „Spell of the Sensuous“, Vintage Books 1996.

3    „The Biophilia Hypothesis“ von Kellert S. R. und Wilson E. O. (ed.), Island Press 1993

4    Siehe „The Experience of Nature“ von Stephen und Rachel Kaplan, Cambridge Press 1989

 

Thomas Klien

studierte Landschaftsökologie und -planung. Er praktiziert in den Kagyü- und Nyingma-Linien des tibetischen Buddhismus und absolvierte ein traditionelles Dreijahresretreat unter der Leitung von Gendün Rinpoche. Seit einigen Jahren betreut er Landschaftsgestaltungsprojekte in Chökyi Nyima Rinpocheʼs Gomde Zentren in Ober­österreich und den Pyrenäen.



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