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10.03.2020

Starten wir eine „Epidemie der Zuversicht“!

Im Herbst 2019 hielt die Achtsamkeits- und Kommunikationsexpertin Susan Gillis Chapman in Wien einen Vortrag über ihr Buch „Fünf Schlüssel der achtsamen Kommunikation“, der als Einführung für ein zweitägiges Seminar diente.

 

Gleich zu Beginn stellt Susan Gillis Chapman den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern eine zentrale Frage: Wofür ein neues Buch zum Thema Kommunikation, bei dem großen Angebot? Wie unterscheidet sich dieses Buch von anderen Ratgebern?

 

Gillis Chapmans Buch liegt buddhistisches Denken zugrunde, das den menschlichen Geist, unser Wesen, als grundlegend gut und erwacht betrachtet. Ganz anders, als wir selbst uns (oft) sehen! Wir fühlen uns in solchen Momenten der Verunsicherung einsam und unsicher, wir leiden. Doch den Grundsätzen der Kontemplativen Psychologie zufolge ist jede/r von uns zu jedem Zeitpunkt 100% gesund bzw. hat das Potenzial dazu. Wie lässt sich das mit unserem Selbstbild vereinbaren? Und wie lässt es sich verhindern, dass unser Unwohlsein, unsere Verunsicherung sich auf andere überträgt? Wie können wir diesen „Virus der Entmutigung“ beseitigen und stattdessen eine „Epidemie der Zuversicht“ auslösen?*

 

Es beginnt bei uns: Indem wir innehalten – schweigen – und uns Raum geben. Indem wir kleine Momente des Verweilens annehmen, sei es beim Warten auf den Bus, bei einer Tasse Tee im Café oder während einer Sitzmeditation, kommen wir bei uns an.

 

Leider haben wir die Angewohnheit, genau vor diesem „Nach-Hause-Kommen“ davonzulaufen. Das können wir ändern, indem wir die „Inter-Verbundenheit“ zwischen uns allen wahrzunehmen lernen. Denn wonach wir uns alle sehnen, ist, uns ausdrücken zu können, uns willkommen, angenommen und geschätzt zu fühlen. Wir wollen wahrgenommen werden mit unseren einzigartigen Eigenschaften. Wir wünschen uns, unsere Stimme zu finden, unsere Wahrheit.

 

Indem wir „bedingungslose Freundlichkeit“ leben, kann im Miteinander eine sogenannte „Grüne Zone“ entstehen, ein sicherer Ort, der es möglich macht, sich aufeinander einzulassen.

 

Wie kann so eine „Grüne Zone“ entstehen?

 

Zuerst ist es wichtig, die Perspektive zu wechseln, weg vom „Ich-zuerst“ hin zum „Wir-zuerst“. Verspüre ich Freude darüber, dass mein Gegenüber da ist, fühle auch ich mich willkommen. Öffne ich mich, fließen meine Bedürfnisse natürlich und frei – und die meines Gegenübers ebenso. Wenn wir diesen Zustand erleben, leuchtet gefühlsmäßig unsere „grüne Ampel“, dann sind wir ganz bei uns, im Jetzt.

Gestaltet sich eine Situation jedoch konfliktreich, fahren wir unsere Barrieren hoch, Selbstzweifel entsteht, unsere inneren Ängste werden wachgerufen (wir schalten auf „gelb“, dazu gleich mehr). Wir verschließen uns zusehends, bis unsere Bedürfnisse vollständig blockiert sind, was uns leiden lässt („rote Ampel“). Ist es unser Gegenüber, das sich in diesem Gefühlszustand befindet, können wir uns nur in Mitgefühl üben. Versuchen wir einzugreifen, werden wir selber leiden; deshalb ist es wichtig, solche Situationen zu erkennen. Zur besseren Anschauung teilt Susan Gillis Chapman ein Beispiel aus ihrem eigenen Leben: Ein paar Tage vor ihrer Wien-Reise hatte sie ihre 94-jährige Mutter besucht, die sich gerade mental in einer Abwärtsspirale befand und nichts als Vorwürfe und Beschwerden von sich gab. Sofort begann Gillis Chapman zu überlegen, wie sie ihrer Mutter helfen könnte, und wurde ihrerseits in diesen dunklen Gemütszustand hineingezogen, fühlte sich hilflos und überfordert. Später, als sie über die Begegnung reflektierte, erkannte sie, dass in dieser Situation ihre „gelbe Ampel“ aktiviert worden war. Das passiert, wenn unsere Bedürfnisse als Ängste in uns auftauchen. Diese Ängste sind entstanden, als wir das erste Mal im Leben mit der „roten Ampel“ eines anderen konfrontiert wurden. Im Fall von Gillis Chapman war das, als sie ein 3-jähriges Mädchen war. Damals entstand in ihr das Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimme, dass sie den Zorn ihrer Mutter verschuldet hatte. Und um genau dieses Kind in uns müssen wir uns kümmern, um den Glauben an unsere natürliche Gutheit wiederherzustellen.

 

Buddha Weekly the 5 dhyani buddhas Buddhism

 

Das Mandala der Fünf Buddhas

 

Damit wir „Grüne Zonen“ in unserem Leben als Schutz vor toxischen Einflüssen erschaffen können, müssen wir lernen, die verschiedenen Gemütszustände (und ihre Verformungen) zu erkennen. Gillis Chapman zeigt ein Mandala der Fünf Buddhas und vergleicht diese Abbildung mit unserem Geist.

 

Im Zentrum befindet sich der weiße Buddha („Luft“), der unsere ureigene Natur, unsere innere Weisheit, unser wahres SEIN repräsentiert.

Um ihn herum sind vier weitere Buddha-Figuren angeordnet, von denen jeder gleich den Elementen für einen Gefühlszustand steht. Der rote Buddha („Feuer“) symbolisiert Liebe, bedingungslose Freundlichkeit, Anziehung. Der grüne Buddha („Wind“) steht für Wachheit und den Einsatz geschickter Mittel. Der blaue Buddha („Wasser“) repräsentiert Sanftheit und Sanftmut (nicht zu verwechseln mit Schüchternheit oder Furchtsamkeit), während der gelbe Buddha („Erde“) für Zuhören und Ermunterung steht.

 

Offenheit ist uns angeboren und manifestiert sich auf der Ebene des Geistes, des Körpers und der Gefühle. Ein offener Geist erlaubt es uns, ehrlich, neugierig und einsichtig zu sein – ein wacher Körper, unsere Aufmerksamkeit zu fokussieren. Und ein zartes Herz, Empathie zu empfinden. Letzteres entspricht der „Emotionalen Intelligenz“, die der Buddhismus lehrt und sollte nicht mit Emotionalität gleichgesetzt werden.

 

Befinden wir uns nun in der „roten Zone“, ist die „Wir-zuerst“-Kommunikationsbrücke unzugänglich und wir fühlen uns isoliert. In Folge kommunizieren wir im „Ich-zuerst“-Modus und entmenschlichen unser Gegenüber – zugleich aber auch uns selbst! Wir leiden, weil unsere grundlegenden menschlichen Bedürfnisse blockiert sind, und geben dieses Leid an unsere Umwelt weiter.

 

Im Licht der Verblendung sehen die Gefühle und Geisteszustände, die wir vorhin mithilfe der fünf Buddhas besprochen haben, folgendermaßen aus:

Weiß: Unwissenheit, Ignoranz; „Ich zuerst!“
Rot: Gier, Ko-Dependenz, der Irrglaube, dass jemand anderer für mein Glück verantwortlich ist; „Rette mich.“
Grün: Eifersucht, Wettstreit; „Ich gewinne, du verlierst.“
Blau: Wut und Aggression; „Es ist alles deine Schuld.“
Gelb: Stolz, Überheblichkeit; „Ich bin besser als du.“

 

Negative Glaubenssätze loslassen

 

Wenn wir lernen, so Gillis Chapman, diese emotionalen Gifte und dazugehörigen Verhaltensmuster in uns und unserer Kommunikation zu erkennen, können wir diese loslassen und uns in Mitgefühl gegenüber uns und dem anderen üben. Was sind nun die Auslöser dafür, dass wir uns verschließen? Was lässt uns leiden? Gillis Chapman hat eine paradox scheinende Antwort: Es ist unsere Furcht vor unterschwelliger Angst – genau dem Gefühl, dass uns unnützes Zeug kaufen und korrupten Politikern auf den Leim gehen lässt.

 

Diese unterschwellige Angst äußert sich in diesen negativen Glaubenssätzen:

Weiß: „Ich bin nicht willkommen.“
Rot: „Ich bin nicht liebenswert.“
Grün: „Ich bin an allem schuld.“
Blau: „Ich bin machtlos.“
Gelb: „Ich bin wertlos.“

 

Diese inneren Stimmen hören wir, wenn wir in Konfliktsituationen von grün auf gelb schalten. Doch „anstatt ihnen Glauben zu schenken, sollten wir lernen, sie anzurühren und dann loszulassen“, so Gillis Chapman, und in einen restaurativen Dialog zu treten.

 

Der erste Schritt ist, die Situation zu entschärfen: Im Falle von Gillis Chapmans Besuch bei ihrer Mutter geschah dies mittels eines tröstenden Telefonats mit der Schwester.

 

Als Nächstes gilt es zu erkennen, dass diese negativen Glaubenssätze „nur Gedanken sind – eine Illusion, die man nicht glauben muss.“ Außerdem darf man sich nicht vereinnahmen lassen von den negativen Gefühlen der anderen. Zu guter Letzt gibt man dem eigenen Mitgefühl und Wohlwollen Raum. So kann das 3-jährige Mädchen, um Gillis Chapmans eigene Erfahrung aufzugreifen, das sich im gelben Licht als verlassenes Waisenkind manifestiert, mit Liebe und Mitgefühl wie jenen einer Mutter ins grüne Licht zurückfinden.

 

Anstatt Scham über die eigene Verletzlichkeit zu empfinden, gilt es, diesen Teil unseres Selbst willkommen zu heißen und anzunehmen. Wenn wir uns in einer Krise befinden, kann diese Visualisierung hilfreich sein, denn dadurch entstehen neue neurale Verbindungen, wodurch sich nicht nur unser Geist, sondern auch unser Gehirn verändert!

 

Wenn es uns gelingt, uns selbst eine liebende Mutter zu sein, können wir das Rad des Leidens stoppen ... indem wir bei uns selbst beginnen!

 

* Anmerkung der Verfasserin: Als Susan Gillis Chapman dieses Wort verwendete, konnten weder sie noch ihre Zuhörerschaft ahnen, dass es nur wenige Monate später die Welt auf nie dagewesene Weise dominieren würde.

 

Text und Foto Gillis Chapman: Andrea Balcar

 

Susan Gillis Chapman MA

ist Psychologin und Beziehungstherapeutin. Ihre Fachgebiete sind buddhistische und westliche Psychologie sowie achtsame Kommunikation. Hierzu hat sie die Website greenzonetalk.com gegründet und gibt Seminare zur Verbesserung der Kommunikation. Susan Gillis Chapman lebt in Kanada.

Ihr Buch „Die fünf Schlüssel zur achtsamen Kommunikation“ ist im Verlag Goldmann erschienen. Ihr Konzept der achtsamen Kommunikation verbessert von Grund auf unser Sprechen und Zuhören, vertieft unsere Beziehungen und hilft uns, unsere Ziele zu erreichen.
https://www.greenzonetalk.com
http://www.susangillischapman.com/



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