Die Erde
ÖBR-Präsident Gerhard Weissgrab über die Corona Zeit
04.02.2020

ÖBR-Präsident Weissgrab: April 2020, Gedanken zur Zeit

Es sind das nicht meine ersten Gedanken, die ich zur aktuellen Corona-Krise zu Papier, bzw. auch in Radiosendungen zu Gehör bringen durfte. Die Situation hat sich in diesen Tagen und nun schon Wochen selbstverständlich laufend gewandelt.

 

Leider nicht zum Besseren. Bisher lag mein Fokus immer stark auf den heilsamen Begleiterscheinungen dieser großen Herausforderung, ohne deswegen auf die vielen Menschen zu vergessen, für welche diese Krise spontan schlimme Folgen hatte.

 

Auch lesen wir in den unterschiedlichsten Medien und Foren oft davon, dass diese Krise gut für die Welt und unsere Gesellschaft ist. Dass durch sie Fehlentwicklungen korrigiert werden und sich nicht passende Umstände auflösen werden. Das mag schon stimmen und auch meine Beiträge waren davon stark geprägt, aber es ist nur eine Seite der Krise. Die andere Seite der Krise - und die ist bitter – besteht darin, dass auch sehr viel Schönes, Gutes und Wesentliches vernichtet werden wird. Das Virus wertet nicht, es unterscheidet nicht zwischen richtig, falsch oder neutral, sondern es hat nur ein Ziel: Ausschließlich sich zu verbreiten. Wir dürfen das auf keinen Fall aus den Augen verlieren, wenn wir die Chancen und Möglichkeiten dieser Krise in den Mittelpunkt stellen, um damit zu Recht den Menschen Trost und Aufmunterung zu bieten.

 

Es wird aber auch Menschen geben, deren Lebensmittelpunkt in dieser Krise vernichtet wird und die damit vielleicht ihre wichtigste Quelle für immer verlieren, aus der sie bisher ihre ganze Kraft und Kreativität geschöpft haben. Vielleicht auch genau diese Kraft, die sie jetzt für die Umsetzung der Chancen dieser Krise brauchen würden. Was sagen wir denen?  Es wird sie wohl kaum trösten, wenn wir ihnen erzählen, wie wertvoll diese Krise mit ihren Chancen und Folgen für die ganze Welt ist. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie leicht dabei auch der Boden der eigenen Praxis ins Schwanken kommt.

 

Auch das Wort des Buddha, dass wir das, was wir nicht ändern können, einfach annehmen müssen, ist nicht tröstlich, aber realistisch. Immerhin sagt er noch dazu, dass wir es trotzdem auch versuchen sollen, zu ändern.

 

Schlimmer als diese, vom Buddha postulierte und nicht so angenehme Realität finde ich Wortmeldungen im Netz, die davon sprechen, dass nur Menschen mit schlechtem Karma krank werden können und solche mit einem guten Karma keinerlei Sorgen haben sollen. Ich stelle mir schon die Frage, woher diese Menschen wissen, dass sie zu denen gehören, die nur gutes Karma haben? Nicht davon zu reden, dass hier der Begriff von Karma westlich simplifiziert daher kommt und sich völlig vom Dharma verabschiedet hat.

 

Wenn solche Beiträge dann noch von Menschen kommen, die sich selbst als gute Buddhisten verstehen, oft sogar noch als die Besseren, dann muss hier einiges falsch gelaufen sein und ein Verständnis von Interdependenz und deren Komplexität hat es wohl nie gegeben. Es geht aber noch schlimmer, wenn ich in einem FB-Post zum Corona-Virus unter anderem folgendes lesen muss: „…wir werden die Befreiung der Erde von der unnötigen Spezies Mensch in der ersten Reihe fußfrei miterleben dürfen…“

 

Was hat das mit einem buddhistischen Verständnis von Weisheit und Mitgefühl für alle fühlenden Wesen zu tun? Und ich frage mich bei dieser Ankündigung grundsätzlich, welches „Ich“ denn hier in der ersten Reihe fußfrei wohl sitzen wird?

 

Ich habe wirklich Verständnis, wenn diese aktuelle Krise viele Blüten treibt. Aber bitte halten wir in dieser Zeit des großen Stillstandes auch einmal inne und schauen wir auf uns selbst. Suchen wir einmal in erster Linie die Wurzeln des Unheilsamen bei uns selbst. Das soll überhaupt keine Schuldzuweisung sein, aber im Sinne der wechselseitigen Bedingtheit sind wir immer auch mit in jedem Boot, auch im Boot des Unheilsamen.

 

Und die Suche nach Ursachen und Wurzeln ist ohnehin immer eine erste und zutiefst buddhistische und tägliche Arbeit. Auch die Suche nach den Ursachen dieser Krise ist eine unbedingte Notwendigkeit, wenn wir nach Lösungen suchen und einen Ausweg daraus finden wollen.

 

Ich möchte euch dazu am Ende noch auf zwei sehr ähnliche Perspektiven hinweisen, die mir zuletzt untergekommen sind. Erst einmal habe ich einen Text in der elektronischen Ankündigung zur vorigen Ausgabe von „Die Furche“ gefunden, und er ist einfach zu passend und verlockend, ihn nicht mit euch zu teilen. Er spricht nämlich genau das Thema Pandemien und ihre Ursachen an und lautet wie folgt:

„Schlägt die Natur zurück? Forscher sehen in der Corona-Krise einen „Warnschuss“. Denn das Risiko für Epidemien ist davon abhängig, wie Menschen mit Tieren und Ökosystemen umgehen.“ Die hier vorgenommene Formulierung in den ersten beiden Sätzen, als wäre die Natur in ihrer unendlichen Komplexität ein denkendes und bewusst handelndes Wesen, dürfen wir ruhig als Metapher verstehen, die weitere Schlussfolgerung daraus aber ist knallharte Realität und sehr ernst.

 

Genau in dieselbe Kerbe schlägt auch ein amerikanischer Wissenschaftler in einem Vortrag, der bereits vor 10 Jahren aufgezeichnet wurde und der daher frei von jedem Verdacht einer Verschwörungstheorie zu unserer aktuellen Situation ist. Dr. Michael Greger erklärt sehr deutlich die historische Entstehungsgeschichte von Pandemien und ihre Ursachen. Auch er kommt zum wissenschaftlich belegten Schluss, dass unser Umgang mit Tieren dabei eine ganz zentrale Rolle spielt. Hier der Link zum Video und bitte um Geduld, der Vortrag in englischer Sprache dauert fast eine ganze Stunde. Aber es zahlt sich aus.

https://nutritionfacts.org/video/pandemics-history-prevention/

 



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